Rezension

Die Charité – Aufbruch und Entscheidung | Ulrike Schweikert

6. Januar 2020
Die Charité

Inhalt

Berlin 1903: Rahel Hirsch ist eine der ersten Ärztinnen, die an der kaiserlichen Charité ihr Handwerk praktizieren darf. Allerdings hat sie es als einzige Frau unter männlichen Kollegen nicht leicht. Denn in der ansonsten so fortschrittlichen Hauptstadt ist die Gleichberechtigung noch in weiter Ferne. Die junge Arbeiterin Barbara schuftet für einen Hungerlohn in der Charité und muss mehrmals erleben was es bedeutet, wenn Männer Frauen als Besitz betrachten. Nach einem Übergriff werden die beiden Frauen trotz ihrer Unterschiede Freundinnen. Während Barbara für die Rechte der Arbeiterinnen und das Frauenwahlrecht kämpft und Rahel sich in der Charité als Frau behauptet, kündigt sich der Erste Weltkrieg an, der das Leben der beiden verändern wird.

Erster Satz

Die chirurgische und die geburtshilfliche Klinik der königlichen Charité sind allmählich in einen Zustand geraten, welcher den heutigen Anforderungen des Hospitalwesens absolut nicht mehr entspricht, und der Studierende ist nicht einmal in der Lage, in ihnen zu erfahren, wie denn eigentlich eine solche Einrichtung sein sollte.

Eigene Meinung

Da mir der erste Band rund um das wohl berühmteste Krankenhaus Deutschlands, „Die Charité – Hoffnung und Schicksal“, richtig gut gefallen hat, konnte ich es kaum erwarten endlich den zweiten Teil in den Händen zu halten. Dank der gleichnamigen TV-Serie (wobei die beiden bis auf den Schauplatz nicht zusammenhängen) habe ich in der Zwischenzeit weiter Blut geleckt und war neugierig auf weitere medizinhistorischen Errungenschaften der Charité.

Frauenbewegung und Marxismus anstelle von Medizinhistorie

Doch genau das war vermutlich mein Fehler. Ich habe einen Roman über die Geschichte der Charité um die Zeit des Ersten Weltkrieges mit den typischen Krankheitsbildern sowie dem damaligen Stand der Forschungen mitsamt zweier starker Frauenfiguren erwartet. Tatsächlich musste ich mich dann aber durch langatmige Erläuterungen über die gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Situation des Deutschen Kaiserreiches kämpfen, die mich vielmehr an Lehrkapitel im Geschichtsbuch als an einen Roman erinnerten. Gegen kapiteleinleitende Worte, welche die Handlung in einen historischen wie gesellschaftspolitischen Kontext setzen, ist prinzipiell nichts einzuwenden. Allerdings möchte ich nicht seitenlang in Einzelheiten lesen welche Beschlüsse bei der letzten Parlamentssitzung beschlossen wurden oder in welcher Anordnung die Männer der Führungsriege im Saal sitzen. Es steht zwar Charité drauf, aber man bekommt wohl eher Ausschweifungen über die Frauenbewegung und den Marxismus sowie die Unruhen des anstehenden Krieges samt Mobilmachung vor die Nase gesetzt.

Dennoch bleiben die medizinischen Errungenschaften nicht ganz auf der Strecke. August von Wassermanns Nachweismethodik zur Diagnostik von Syphilis findet genauso Anklang wie der Einsatz der neuen Röntgentechnologie oder Rahel Hirschs Forschungen zur Verdauung großkorpuskulärer Nahrungspartikel. Womöglich liegt es an meinem verzerrten Studentenblick, aber verglichen mit den seitenlangen gesellschaftspolitischen Ausschweifungen kam mir die Medizin trotz allem zu kurz.

Gleichberechtigung? Fehlanzeige!

Selbst die beiden weiblichen Protagonistinnen können das Ruder leider nicht mehr herumreißen und die trockenen dozierenden Passagen auflockern. Mir hat die Lebendigkeit des ersten Bandes gefehlt, in welchem ich die Charaktere in Windeseile in mein Herz geschlossen und mit ihnen mitgefiebert habe.

Dr. Rahel Hirsch, die sich als eine der ersten weiblichen Ärztinnen an der Charité gegen ihre männlichen Kollegen behauptet, hätte eine schillernde Figur abgeben können, doch bei mir ist der Funke leider nicht übergesprungen. Die knapp 550 Seiten hinweg blieb sie mir zu blass, zu farblos, sie war vielmehr der Schatten der inspirierenden Person, die sie hätte sein können. Das lag nicht an ihr selbst, sondern wohl eher daran, dass man zu häufig zwischen den einzelnen Erzählperspektiven hin und her springt und sich die Jahresuhr kontinuierlich weiterdreht ohne dass man als Leser die Möglichkeit hat bei der jeweiligen Person anzukommen und sie näher kennenzulernen. Es wird zwar deutlich, dass sie ihren männlichen Kollegen gegenüber aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt wird, jedoch bleibt einem gewissermaßen der Weg zu ihrer Gefühlswelt versperrt. Sie steckt Rückschläge ein und macht ganz normal weiter als wären es nichts als Lappalien. Aber was treibt sie an kontinuierlich weiterzukämpfen und sich nicht unterkriegen zu lassen? Wieso fährt sie nicht ein einziges Mal aus der Haut – noch nicht einmal ihren Vertrauten gegenüber?

Demgegenüber war die lebensfrohe Barbara beinahe ein offenes Buch, die mit ihren Überzeugungen und Ideen sinnbildlich für die Frauen der Arbeiterklasse steht. Ihr quirliger Charakter mit der direkten Art und der Berliner Schnauze war stellenweise vielleicht ein bisschen anstrengend, aber dennoch ist sie diejenige, die der Geschichte Leben einhaucht. Schön zu verfolgen finde ich auch die Freundschaft, die sich zwischen den beiden scheinbar so gegensätzlichen Frauen entwickelt. Auf den ersten Blick mögen sie ziemlich unterschiedlich sein, doch es verbindet sie mehr als der Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen.

Meinungsverschiedenheit zum Ende

Was mich abschließend ziemlich gestört hat, obgleich ich zuvor wie gebannt die Endzüge des Krieges verfolgt habe, war der Epilog, den man meiner Meinung nach gut und gerne hätte weglassen können. Die Intention der Autorin Rahels Geschichte vollständig zu erzählen, verstehe ich durchaus, zumal es sich dabei um eine real existierende Person handelt. Allerdings hätte es den Sprung in die NS-Zeit wirklich nicht erfordert, denn die sich zusehends verschlimmernde Situation der Juden ist bereits zuvor in eindringlichen Szenen klargeworden. Die Judenverfolgung während des Nationalsozialismus abschließend anzureißen wirkte auf mich wie ein ziemlich plumper Versuch das Thema auch noch mit zu verarbeiten. Ein kurzer Kommentar im Nachwort über den weiteren Verlauf von Rahel Hirschs Leben nach dem Buchende um 1918 hätte meines Erachtens vollkommen ausgereicht und wäre die deutlich elegantere Variante gewesen.

Fazit

Obwohl ich das ganze Jahr über auf den Erscheinungstermin von „Die Charité – Aufbruch und Entscheidung“ hingefiebert habe, konnte mich das Buch leider nicht vollkommen überzeugen. Wer gerne mehr über die gesellschaftspolitische Situation in der ausgehenden Kaiserzeit mit dem Schwerpunkt Frauenbewegung, Marxismus und Mobilmachung im Ersten Weltkrieg lesen möchte, ist hiermit sicherlich gut bedient. Mir persönlich waren die dozierenden Passagen jedoch eindeutig zu zahlreich und haben der Medizin und den Charakteren ihren Raum genommen.


DIE CHARITÉ – AUFBRUCH UND ENTSCHEIDUNG

Autorin: Ulrike Schweikert
Reihe: Charité-Reihe (Bd. 2)
Seitenzahl: 544
Erschienen: 17.09.2019
Verlag: Rowohlt polaris
ISBN: 978-3-499-27453-4
Preis: 14,99 €


Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kathiduck

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