Rezension

Die Geschichte meiner Sexualität | Tobi Lakmaker

29. Mai 2022
Die Geschichte meiner Sexualität

Inhalt

Zeitlebens lag Sofie bei den wichtigen Entscheidungen daneben, bei den Jungs wie bei den Mädchen, ihrer solide geplanten Entjungferung mit Walter, die mehr an Wahnsinn als Erfüllung grenzte. Einige Jahre später trägt sie raspelkurze Haare, schwärmt für Frida, Jennifer sowie Muriel und hat es aufgegeben die Frau sein zu wollen, die alle in ihr sehen. Dabei wird sie beinahe zum Star der lesbischen Community von Amsterdam, ist schwer verliebt und ringt dennoch weiterhin darum, echte Nähe zu anderen Menschen zuzulassen.

Erster Satz

Meine Mutter hat immer gesagt: „Unsere Freunde sind nicht reich, sie haben bloß im richtigen Moment ein Haus gekauft.“

Eigene Meinung

Was meine neu entfachte Tetris Sucht mit Tobi Lakmakers „Die Geschichte meiner Sexualität“ (übersetzt von Christina Brunnenkamp) zu tun hat? Es war eine dieser typischen Äußerungen Sofies, die man nicht hat kommen sehen, und die einen in ihrer scheinbaren Belanglosigkeit stutzig werden lassen. In meinem Falle reichte ein nebensächlich eingeworfener Kommentar über den taktisch klügsten Einsatz des langen Steines, um meine Tetris App aus dem Standby zu befreien.

Denn Tobi Lakmaker sprengt mit seiner ganz eigenen, teils irritierenden, aber stets auf irgendeine Art berührende Erzählweise die Grenzen des althergebrachten literarischen Schreibens. Er bringt erzählerische wie thematische Frische hinein, sodass der staubige Begriff Entwicklungsroman hinter lebhafter queerer, fluider und Trans-Identität verblasst, obwohl es im Kern genau ein solcher ist: In drei großen Abschnitten widmet Tobi Lakmaker – der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch Sofie hieß – sich seiner Kindheit, Jugend und den jungen Erwachsenenjahren, schreibt von ersten sexuellen Erfahrungen mit Männern und Frauen auf der Suche nach Intimität und der eigenen Identität abseits von einengenden Gender-Kategorien.

Im Grunde ist mein Schweigen meine Spezialität, und am liebsten bin ich dabei nackt.

Tobi Lakmaker: Die Geschichte meiner Sexualität (S. 79)

Obgleich er mich im zweiten Abschnitt durch das Abschweifen seiner Gedanken und die Aufhebung jeglicher Chronologie kurzzeitig verloren hatte, fing er mich im dritten Teil mit einer überraschenden Tiefgründigkeit und Verletzlichkeit wieder ein. Es war beinahe so, als hätte er eine letzte Schicht abgezogen, um nun doch noch tiefergehende Einblicke in sein Gefühlsleben zu ermöglichen, nachdem er seine Fähigkeit dazu zuvor vehement abgestritten hatte.

Fazit

„Die Geschichte meiner Sexualität“ ist laut, launisch und äußerst lebendig. Mit seinem ganz eigenen Humor, der zwischen dreistem Charme und ironischem Witz changiert, gewährt Tobi Lakmaker einen sehr persönlichen Einblick in eine wahre Geschichte, die nicht mehr oder weniger als die seines eigenen Lebens ist.


DIE GESCHICHTE MEINER SEXUALITÄT

Autor: Tobi Lakmaker
Originaltitel: De geschiedenis van mijn seksualiteit
Übersetzung: Christina Brunnenkamp
Seitenzahl: 224
Erschienen: 27.01.2022
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-07142-0
Preis: 20,00 €


Herzlichen Dank an den Piper Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kathiduck

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1 Comment

  • Reply Livia 21. Juni 2022 at 10:00

    Liebe Kathi

    Was du zu diesem Buch schreibst, klingt sehr nach einer Lektüre ganz nach meinem Geschmack. Ich werde mir „Die Geschichte meiner Sexualität“ auf jeden Fall einmal näher ansehen.

    Lieben Dank für den Tipp
    Livia

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