Rezension

Meine dunkle Vanessa | Kate Elizabeth Russell

21. Februar 2021
Meine dunkle Vanessa

Inhalt

Mit einem Kompliment zu ihrem ahornroten Haar beginnt das verhängnisvolle Verhältnis zwischen Vanessa und ihrem weitaus älteren Englischlehrer Jacob Strane. Er vergöttert sie für ihre Andersartigkeit und scheint der Einzige zu sein, der die 15-Jährige wirklich versteht. Für Vanessa ist es Liebe, denn jegliche körperliche Handlung geschieht mit ihrem Einverständnis. Als Strane 20 Jahre später von einer anderen ehemaligen Schülerin auf Facebook wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wird, steht Vanessa vehement auf seiner Seite. Doch mit den zunehmenden Kontaktversuchen der jungen Frau sowie der Reaktionen auf Social Media beginnt ihre Beharrlichkeit zu bröckeln. Soll sie weiterhin Stillschweigen über die Ereignisse von damals bewahren oder ihrer Beziehung zu Strane auf den Grund gehen?

Erster Satz

Ich mache mich für die Arbeit fertig, und der Post steht seit acht Stunden im Netz.

Eigene Meinung

Lange bin ich um „Meine dunkle Vanessa“ herumgeschlichen, wollte es unbedingt sofort lesen, dann ist der Hypetrain durch Bookstagram gerast und ich wurde skeptisch. Viel zu lange stand es daraufhin unterschwellig anklagend in meinem Regal, bis ich es endlich zur Hand genommen habe, um in die abscheulich gelungene Erzählung abzutauchen.

Kate Elizabeth Russel trifft damit mitten in den Kern der MeToo-Debatte und doch ist diese Geschichte, in deren Zentrum das Thema Missbrauch steht, anders. Anstelle der klaren Differenzierung zwischen Täter und Opfer sind die Grenzen hier unklar, denn Vanessa sieht sich auch Jahre später nicht als Letzteres, sondern beharrt vehement auf ihrer Liebe zu Jacob Strane. Doch vor allem dieser Umstand verleiht dieser Erzählung ihre geradezu mystische Einzigartigkeit. Denn Vanessa ist ein unglaublich vielschichtiger, schwer greifbarer Charakter, der sich jeder Logik entzieht und besonders aufgrund ihrer Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Verständnis der Opferrolle fasziniert.

Zwischen den Zeitebenen wechselnd findet man sich in einem ungewöhnlichen Beziehungskonstrukt wieder, das von Missbrauch, ungleichem Machtgefüge und Abhängigkeit gekennzeichnet ist. Schrittweise durchlebt man gemeinsam mit Vanessa die anfänglichen Komplimente zu ihrem ahornroten Haar, die schon bald in kleine Zuwendungen bis hin zu körperlichen Annäherungsversuchen übergehen. Man ist gleichermaßen mittendrin wie distanziert, während die Alarmglocken bei den ersten Anzeichen des Groomings lautstark zu schrillen beginnen. Ohnmachtsähnlich muss man mitansehen, wie ihr Englischlehrer eine Grenze nach der anderen überschreitet und die Einsamkeit einer jungen grüblerischen Einzelgängerin unter dem Deckmantel echter Zuneigung ausnutzt.

Neben dem offensichtlichen Missbrauch gelingt es Kate Elizabeth Russell obendrein differenzierte Sichtweisen sowie schonungslose Umgangsmöglichkeiten mit diesem eigentlich so sensiblen Thema erschreckend eindringlich vor Augen zu führen. Einige Szenen, wie etwa das Verhalten der Schule sowie das zweischneidige Schwert von Social Media, haben beinahe noch mehr Übelkeit hervorgerufen als der Missbrauch an sich und sich nachdrücklich in meinen Gedanken festgesetzt.

Wenngleich diese Geschichte sprachlich herausragend geschrieben ist, einen ungewöhnlichen Blickwinkel wählt und zahlreiche Gedankenanstöße liefert, so ist bei mir der letzte Funke dennoch nicht übergesprungen. Vielleicht waren meine Erwartungen aufgrund der großen positiven Resonanz unverhältnismäßig hoch, womöglich blieb mir Vanessa aber bis zum Ende schlicht zu undurchsichtig.

Fazit

„Meine dunkle Vanessa“ ist voller anklagender Widersprüchlichkeiten, begeistert gleichermaßen durch sprachliche Raffinesse wie es durch explizite Szenen des Missbrauchs verstört und doch ist bei mir der letzte Funke nicht übergesprungen.


MEINE DUNKLE VANESSA

Autorin: Kate Elizabeth Russell
Originaltitel: My Dark Vanessa
Übersetzung: Ulrike Thiesmeyer
Seitenzahl: 448
Erschienen: 17.08.2020
Verlag: C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10427-9
Preis: 20,00 €


Herzlichen Dank an das Bloggerportal für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kathiduck

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4 Comments

  • Reply Martinas Buchwelten 21. Februar 2021 at 10:05

    Hallo Kathi,
    in deinem Fazit stcekt eigetlich schon alles drinnen, was ich so ungefähr zu diesem Roman gelesen habe. Mir ging es genauso…ich wollte es lesen und habe mir dann das Buch doch nicht gekauft, weil es so gehypt wurde. Und nun bin ich unschlüssig…malsehen, ob ich es lesen werde oder nicht.
    Liebe Grüße
    Martina

    • Reply Lesendes Federvieh 21. Februar 2021 at 12:25

      Liebe Martina,

      mit gehypten Büchern ist das immer so eine Sache. Manchmal sind die Jubelstürme absolut berechtigt – beispielsweise bei Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ – aber ich habe schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass mich zu hochgelobte Bücher dann doch eher enttäuscht zurückgelassen haben. Wobei „Meine dunkle Vanessa“ durchaus lesenswert ist, ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt (soweit es das Thema zulässt), nur das gewisse Etwas hat mir am Ende gefehlt. Bilde dir am besten selbst deine eigene Meinung dazu, vielen hat dieses Buch richtig gut gefallen.

      Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung, wenn du es liest! 😀

      Herzliche Grüße,
      Kathi

  • Reply Steffi 21. Februar 2021 at 11:32

    Liebe Kathi,
    ich lese das Buch auch gerade und muss auch sagen, dass bei mir der Funke nicht so recht überspringen will. Ich empfinde es sehr distanziert und emotionslos geschrieben, was vielleicht Vanessas Leere zeigen soll, aber irgendwie tue ich mich deshalb etwas schwer mit dem Buch. Zeitweise finde ich es auch recht langatmig. Bisher habe ich nur sehr positive Rezensionen gelesen, sodass es ganz gut tut, auch mal eine etwas kritischere Stimme zu vernehmen.
    Liebe Grüße,
    Steffi

    • Reply Lesendes Federvieh 21. Februar 2021 at 12:28

      Liebe Steffi,
      vielen Dank für deine Meinung! Ich habe bisher auch so viele uneingeschränkte Lobeshymnen über diesen Roman gelesen, weshalb ich mich mit meinem Eindruck ein bisschen alleine gefühlt habe. Du bringst es genau auf den Punkt, das was ich als Undurchsichtigkeit Vanessas empfunden habe, beschreibst du ebenso treffend mit Distanziertheit und Emotionslosigkeit. Ich bin sehr auf deine Rezension gespannt, sobald du es fertig gelesen hast! 🙂

      Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende,
      Kathi

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