Rezension

Die Harpyie | Megan Hunter

28. April 2021
Die Harpyie

Inhalt

Während ihr Ehemann Jake täglich zur Universität pendelt, arbeitet Lucy von zu Hause aus und kümmert sich um die Kinder. Die ruhige Familienidylle wird jedoch durch einen Anruf jäh zerstört, als jemand sie wissen lässt, dass Jake eine Affäre mit einer Arbeitskollegin hat. Nach der Konfrontation beschließen Jake und Lucy weiterhin ein Paar zu treffen, allerdings treffen sie dabei eine verhängnisvolle Abmachung. Drei Mal darf Lucy ihren Mann bestrafen, um den Betrug auszugleichen. Die Art und Weise sowie den Zeitpunkt bestimmt sie dabei ohne Einschränkung, sodass ein gefährliches Spiel zwischen Rache und Vergebung beginnt, das ungeahnte Züge entwickelt.

Erster Satz

Das letzte Mal.

Eigene Meinung

„Die Harpyie“ polarisiert wie kaum ein anderer Roman in diesem Bücherfrühling, manche bleiben mit Unverständnis und Enttäuschung zurück, während andere sich vor Lobeshymnen nur so überschlagen. In erster Linie ist es wohl Geschmackssache, allerdings bedarf es in meinen Augen in erster Linie verstärkter Aufmerksamkeit, wenn man die unter nüchtern anmutender Sprache verschleierte Tiefgründigkeit in ihrem gesamten Ausmaß als grandioses Psychogramm einer Frau, die an ihrem Interrollenkonflikt zugrunde geht, begreifen möchte.

Verzerrtes Gesicht, Klauen statt Händen. Eine gewisse Rundung des Gesichts, schwere Augenlider; schon damals durchfuhr mich Wiedererkennen.

Hunter, Megan: Die Harpyie (S. 74).

Der Verrat durch den Ehemann ist nur die Spitze des Eisberges, welcher die lange unter der Oberfläche schwelenden Emotionen der Überforderung durch die Mutterrolle, der Aufgabe ihrer Karriereambitionen zugunsten der von ihr erwarteten Hausfrauentätigkeit und des äußeren Anspruches der Gesellschaft hochkochen lässt. Durch die geschickte Wahl der Ich-Erzählperspektive wird man selbst zu Lucy, findet sich in einer stagnierten Ehe wider, sieht sich mit den argwöhnischen Blicken und anklagenden Kommentaren der scheinbar so perfekten Nachbarn konfrontiert und gleitet unter der erdrückenden Belastung in eine wahnhafte Obsession, die mit zunehmendem Realitätsverlust verbunden ist.

Die Harpyie reißt Augen aus, las ich. Sie zerrt, versengt, kratzt, verkrüppelt. Sie tut all das auf Anweisung der Götter, aber nicht widerwillig. Sie tut es mit leuchtenden Augen: hacken, ersticken. Vergiften.

Hunter, Megan: Die Harpyie (S. 80).

Unterfüttert wird diese von Wut und Verzweiflung durchzogene, mit Hass besprenkelte wie atmosphärisch angehauchte Erzählung, die vielmehr einem Märchen gleicht, von kursiv gedruckten Passagen über die mythologische Figur der Harpyie. Anfangs wirken diese Erinnerungsfragmente wie zusammenhanglos eingeworfen, doch zunehmend ergeben sie ein erschreckend klares Bild einer unaufhaltsamen Metamorphose, die in ein Ende gipfelt, welches die Gemüter spaltet. In meinen Augen ist es jedoch mitsamt des Interpretationsspielraums der passende, in seiner Ausführung konsequente Abschluss dieses präzisen Psychogramms, dessen scharfe Krallen sich nachhaltig ins Gehirn bohren.


DIE HARPYIE

Autorin: Megan Hunter
Originaltitel: The Harpy
Übersetzung: Ebba D. Drolshagen
Seitenzahl: 229
Erschienen: 22.02.2021
Verlag: C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-76663-3
Preis: 22,00 €


Herzlichen Dank an den C.H. Beck Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kathiduck

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1 Comment

  • Reply Livia 7. Mai 2021 at 0:53

    Hallo liebe Kathi

    Das Buch war ja auch überall und Hypes schrecken mich immer ab (machen mich aber enoooooorm neugierig 😉 ), deshalb warte ich noch ein wenig ab, werde mir das Buch aber sicher irgendwann einmal gönnen.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

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